Die Arbeitswelt hat sich grundlegend verändert. Klassische Karrierewege, ein Beruf für das ganze Leben und klare Erfolgsrezepte verlieren zunehmend an Bedeutung. Viele Arbeitssuchende stehen heute vor einer entscheidenden Frage: Wie finde ich eine berufliche Aufgabe, die zu mir passt – fachlich, menschlich und sinnhaft?
Ein Gastbeitrag von Mariana Sygin – Managementberaterin, Team Trainerin und systemische Coach.
Die Arbeitswelt hat sich grundlegend verändert. Klassische Karrierewege, ein Beruf für das ganze Leben und klare Erfolgsrezepte verlieren zunehmend an Bedeutung. Viele Arbeitssuchende stehen heute vor einer entscheidenden Frage: Wie finde ich eine berufliche Aufgabe, die zu mir passt – fachlich, menschlich und sinnhaft?
Wer sich ausschließlich an Stellenanzeigen orientiert, findet möglicherweise einen Job. Aber nicht zwingend den richtigen. Genau hier setzt ein Konzept an, das seit Generationen Orientierung bietet: Ikigai – ein japanischer Ansatz, der sinngemäß „das, wofür es sich zu leben lohnt“ bedeutet.
Ikigai hilft Ihnen, Ihre Stärken, Interessen, Werte und beruflichen Möglichkeiten miteinander zu verbinden. Nicht abstrakt, sondern konkret. Und vor allem nachhaltig.
Warum viele Karriereentscheidungen an uns vorbeigehen
Als ich klein war, wurde mir – wie vielen anderen – ein klarer Lebensweg vermittelt: Gute Noten, ein Studium, ein sicherer Job in einem großen Unternehmen. Am besten bis zur Rente. Kaum eine Rolle spielten Fragen wie: Worin bin ich wirklich gut? Was interessiert mich? Liegt mir Sprache, Naturwissenschaft, Kreativität oder der Umgang mit Menschen?
Stattdessen ging es oft darum, welche Berufe gut bezahlt sind, Sicherheit versprechen oder im familiären Umfeld anerkannt werden. Dieses Denken prägt bis heute viele Bildungs- und Berufsentscheidungen. Und genau deshalb setzen sich so wenige Menschen frühzeitig mit ihrem eigenen Potenzial auseinander.
Die Folgen zeigen sich später: Unzufriedenheit, Orientierungslosigkeit, häufige Jobwechsel oder das Gefühl, „irgendwie falsch“ zu sein. Ikigai bietet einen anderen Zugang.
Das Ikigai-Modell – vier Fragen, die Klarheit schaffen
Ikigai basiert auf vier zentralen Perspektiven. Erst im Zusammenspiel entfalten sie ihre Wirkung.
1. Worin Sie gut sind – Ihre Stärken
Viele Ihrer Fähigkeiten haben sich bereits früh gezeigt. Vielleicht fiel Ihnen Lernen leicht. Vielleicht konnten Sie gut erklären, organisieren, zuhören, reparieren oder strukturieren. Eine zentrale Leitfrage lautet: Was gelingt Ihnen leicht, obwohl andere dafür viel Energie aufwenden müssen? Genau hier liegen oft Kompetenzen, die für andere einen echten Mehrwert darstellen – und deshalb auch beruflich relevant sind.
Impuls: Notieren Sie möglichst viele Tätigkeiten, in denen Sie gut sind oder für die Sie regelmäßig positives Feedback erhalten.
2. Was Sie lieben – Ihre innere Motivation
Was tun Sie gerne, auch ohne äußere Belohnung? Wobei vergessen Sie die Zeit? Das können unscheinbare Dinge sein: etwas gestalten, Probleme lösen, Menschen begleiten, Ordnung schaffen oder Wissen weitergeben. Leidenschaft zeigt sich nicht immer laut – aber sie ist ein verlässlicher Wegweiser.
Impuls: Womit beschäftigen Sie sich freiwillig länger als geplant? Notieren Sie auch hier möglichst viele Tätigkeiten.
3. Was die Welt braucht – Ihr Beitrag
Die Welt braucht Menschen, die ihre Fähigkeiten sinnvoll einsetzen. Schon allein dadurch entsteht Wirkung. Darüber hinaus lohnt sich die Frage: Welche Probleme kann ich lösen? Wem kann ich konkret helfen? Sinn entsteht oft dort, wo persönliche Stärken auf reale Bedürfnisse treffen – im Kleinen wie im Großen.
Impuls: Welche Themen oder Herausforderungen berühren Sie emotional? Welche Veränderungen wollen Sie aktiv gestalten? Schreiben Sie mehrere konkrete Beispiele auf.
4. Wofür Sie bezahlt werden können – die berufliche Realität
Nicht jede Leidenschaft lässt sich unmittelbar monetarisieren. Dennoch ist diese Perspektive entscheidend. Wo können Sie Ihre Fähigkeiten einbringen – angestellt oder selbstständig – und davon leben? Ikigai bedeutet nicht Selbstverwirklichung um jeden Preis, sondern eine tragfähige Verbindung aus Sinn und wirtschaftlicher Stabilität.
Impuls: Welche Ihrer Kompetenzen sind am Arbeitsmarkt gefragt – heute oder perspektivisch? Formulieren Sie mehrere konkrete Anwendungsbeispiele.
Fazit
Ihre berufliche Zukunft beginnt mit einer bewussten Entscheidung. Idealerweise würden wir uns bereits in der Schule mit diesen Fragen beschäftigen. Die Realität ist eine andere. Umso wichtiger ist es, sich heute damit auseinanderzusetzen. Nicht irgendwann. Nicht „wenn es passt“. Sondern bewusst und ehrlich.
Möchten Sie Ihre Talente aktiv gestalten – oder später bereuen, sie nicht genutzt zu haben? Nehmen Sie sich Zeit für das Ikigai-Modell. Schreiben Sie Ihre Antworten auf. Denken Sie nach. Ordnen Sie. Berufliche Erfüllung ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis reflektierter Entscheidungen.
Und diese beginnen bei Ihnen.